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Treatment zum Film "Das Geheimnis des Martin Luther"

nach dem Bühnenstück "Martin Luther - Magister der freien Künste" von Sergej Ianachi

Genre: Dokumentation, Drama

Handelnde Personen:

1. Martin Luther (22 Jahre)
2. Crotus Rubianus, Kommilitone Luthers (25 Jahre)
3. unbekannter Lateinschüler aus Eisenach (37 Jahre)

 

 

Vorwort:

In seinen Erinnerungen erwähnte Martin Luther mehrfach die Stadt Erfurt als ein „fruchtbar Bethlehem“. Hier studierte er von 1501 bis 1505 an der Universität, aber bald nach Beendigung des Studiums wählte er einen für sich und alle seine Freunde unerwarteten „neuen Weg“. Er wurde Mönch im Augustinerkloster. Was war aber der wahre Grund seiner Entscheidung, sein Leben Gott zu widmen?

Die Handlung des Filmes findet in den letzten Jahren seines studentischen und weltlichen Lebens in Erfurt statt. Als er sich in ein Wirtshaus aufmacht, um im Kreise seiner Freunde die Verleihung seines zweiten wissenschaftlichen Titels zu feiern, besucht ihn unerwartet ein Schüler der Lateinschule aus Eisenach, der Stadt, die Luther selbst als seine Lieblingsstadt bezeichnete.

Das Treffen mit diesem Unbekannten verändert für immer die alte Welt, die bald von der katholischen zur evangelischen wird! Nur: Wer verbirgt sich in der Gestalt des Schülers der Lateinschule? Das zu erfahren steht uns bevor.

 

An einem frühen Julimorgen. Erfordia Turrita. Das turmgekrönte Erfurt.

Die Bursa  Georgii (Georgenburse).

 

Für alle Studenten bestand „Bursenzwang“. Die Bursen waren der Universität unterstellte Internate mit überfüllten Räumen und klösterlicher Disziplin. Die Studenten hatten würdige Uniformen, die einem geistlichen Ornat ähnelten, und trugen einen Degen an der Seite. Sie wurden streng beaufsichtigt. Die „Bursalen“ mussten um vier Uhr früh aufstehen. Um acht Uhr abends war Schlafenszeit. Vorlesungen, Seminare und Disputationen waren obligatorisch und begannen im Sommer morgens um sechs.

 

In den engen Türen der Studentenburse drängen sich die Studenten. Der alte Bursenvater geht langsamen Schrittes einen schmalen Korridor entlang, das große Schlüsselbund klirrt vor sich hin.
Er geht zur Eingangstür und sucht langwierig nach dem richtigen Schlüssel. Dabei erinnert er die Studenten lauthals an die Verhaltensregeln im Wohnheim. Die Liste dieser Regeln ist ziemlich lang. Die drei strengsten Regeln wiederholt er mehrmals: "Kein Deutsch sprechen, die Heimordnung fordert, dass alle Studenten daheim schlafen und in keinem Falle Frauen mitbringen, weder durch Tür noch durch Fenster, kurz gesagt, dass nicht Unzucht mit Aus- und Einsteigen … geschehe.“

 

Dieses sorgsam ausgeklügelte Strafsystem war nichts weiter als die Sicherung für eine Vielzahl von Verboten: verboten waren das Würfelspiel und der Besuch der öffentlichen Gaststätte; verboten war alles neumodische, stutzerhafte Beiwerk an der Kleidung. Man sollte sich züchtig halten mit der Kleidung wie von alters her. Man trug einen langen Talar und als Kopfbedeckung eine kleine Kappe; den Rock zu kürzen, ihm einen Ausschnitt zu geben oder gar bunte Hosen anzuziehen und was der Modetorheiten mehr gewesen waren, hatte zu unterbleiben.

 

Die Studenten hören lustlos die Predigt des alten Bursenvaters, verspotten ihn und warten nur darauf, dass er die Tür öffnet.

Aus der Menge der Studenten erschallen weitere Verbote: "Würfelspiel verboten!", "Nicht ins Gasthaus gehen!", "Keine neuen Moden!" und ein allgemeines Stöhnen.

Der Bursenvater sieht, dass einer der Studenten unter der Kutte eine bunte Hose an hat. Er bietet ihm an, sich umzuziehen. Der Student ist zunächst empört, aber der alte Mann besteht darauf und droht, die Tür nicht  eher zu öffnen, als dass sein Wunsch erfüllt wird.
Alsbald kommt der Student zurück. Diesmal mit einer schwarzen Hose.
Luther gelingt es als einem der ersten, sich durch die schmale Tür zu zwängen und fällt auf die Straße. Zusammen mit den anderen Studenten eilt er an die Universität zu einem Vortrag an der juristischen Fakultät. In den letzten Tagen war er immer zu spät und heute hatte er beschlossen, pünktlich zu sein wie nie zuvor.
Auf dem Weg trifft er Bürger und hergekommene Leute vom Lande.
Martins Gesicht erschaudert bei ihrem armseligen und schludrigen Anblick und verzieht sich zu einer verächtlichen Grimasse.

Jetzt steht er dem Status nach über ihnen allen. Er ist schon nicht mehr der Baccalaureus Martin, sondern der Magister der freien Künste Luther. Es wird noch einige Zeit dauern und Martin Luther würde den Fürsten als Jurist zu Diensten sein. Der Traum seines Vaters Hans Martin ist kurz vor seiner Verwirklichung.
Der “Bauernsohn" macht Karriere und wird einen Adelstitel erhalten.
Auf dem Wege holt Crotus Rubianus Martin ein, sein bester Freund und Mann vom Hofe.
Sie begrüßen einander herzlich und unterhalten sich frohgelaunt.
Als sie am Markt vorbei gehen, sehen die Freunde all die Händler, die lauthals rufen, zu kommen und alle möglichen essbaren Sachen zu kaufen.

Crotus unterhält sich mit einer schönen und üppigen Händlerin, die Brot und Teigtaschen verkauft. Rubianus bietet Martin eine frisch gebackene Teigtasche an, aber der lehnt ab und beobachtet aufmerksam, wie etwas weiter hinten auf dem Markt ein hungriger Junge versucht, einen Laib Brot vom Verkäufer zu stehlen.
Der Junge schleicht sich vorsichtig an die Theke, hinter der ein dicker Bäcker steht. Unbemerkt verbirgt der Junge schon das Brot in seiner Brust, als der Bäcker die Hand des Diebes erfässt und ihn zu schlagen beginnt. Die Passanten zeigen sich einverstanden, dass dem Dieb eine Lektion erteilt werden muss.
Nur Martin verteidigt den Jungen und reisst ihn aus den Händen des Bäckers los.

Der Bäcker denkt, dass Martin und der Junge gemeinsame Sache machen und geht mit den Fäusten auf den Jungen los. Die Kräfte liegen eindeutig nicht zu Gunsten des jungen Studenten.
Alles geschieht so schnell, dass Crotus noch nicht ahnt, dass sich sein Freund jetzt in großer Gefahr befindet. Er flirtet mit der Händlerin und bemerkt nichts.

Der Bäcker mit seiner gewaltigen Statur haut Martin mit festen Schlägen immer wieder um, aber der Magister steht immer wieder auf und gewinnt letzten Endes die Oberhand über sein gewichtiges Gegenüber. Dann greift der Bäcker zu einem großen Messer und droht Martin, ihn zu erstechen.
Martin zieht seinen Dolch und schützt sich.
Einer der Passanten erkennt in Martin den Sohn von Hans Martin, der einen Bruder hatte, der auch einstmals genau so in einer Schlägerei unter Betrunkenen einen Mann getötet hatte. Er war ein allen  bekannter Alkoholiker, der im Rausch zum Messer griff. Jawohl, Klein-Hans war ein Trinker, im Rausch gewalttätig und schnell mit dem Messer zur Hand. Und sein Neffe schien das gleiche zu sein, mit dem unbändigen Temperament, das er von seinem Vater geerbt hatte.

 

Martins Ausbrüche in späteren Jahren zeigen, dass er das Temperament seines Vaters in verstärktem Maße, „mit Zins und Zinseszinsen“, geerbt hatte.

 

Flüstern und Angst gehen durch die Reihen der Menge, die zu beobachten beschlossen hat, wer sich denn als Sieger in diesem ungleichen Kampf herausstellen wird.
Die Menge wird immer größer, die da einen großen Kreis um den Bäcker und Martin bildet.
Der Bäcker stürzt sich wütend mit einem Messer auf Martin, aber dem jungen Studenten gelingt es wie durch ein Wunder, den tödlichen Angriff abzuwehren.
Das lange Messer durchlöchert nur die schwarze Kutte des Studenten oben an der Schulter.
Auf den Lärm der Menge hin kommt Rubianus gerade rechtzeitig herbei. Ohne das ganze Geschehen zu erfassen, schlägt er mit etwas Schwerem auf den Kopf des Bäckers und der fällt bewusstlos um.
Bald darauf kommt ein Wächter und versucht herauszufinden, was passiert ist.
Die Umherstehenden zeigen auf die beiden Studenten, die nach ihren Worten die Anstifter dieses Kampfes waren. Aber in der allgemeinen Verwirrung können die Freunde unerkannt fliehen.
Martin und Crotus laufen eilig davon und verstecken sich in einer Gasse.
Sie
atmen schwer und kommen langsam wieder zu sich.
Crotus belegt Martin mit Flüchen, denn er meint, dass man eine zukünftige glänzende Karriere nicht wegen eines kleinen Betteljungen aufs Spiel setzen muss.
Martin antwortet Crotus nicht, sondern beobachtet aufmerksam, wie unweit von ihm eine junge Dame eine Kutsche besteigt.
Martin kann ihr Gesicht nicht sehen, aber der Anblick ist derjenigen so ähnlich, von der er schon so viele Jahre schwärmt.
Ohne zu zögern, läuft der Jura-Student der losfahrenden Kutsche hinterher, hält sich am Griff fest und fährt auf dem Kutschenbock weiter.

Crotus ist verärgert über das Verhalten seines Freundes, der ihm auch noch fröhlich zuwinkt.
Die Kutsche fährt langsam durch die Stadt. Martins Gesicht strahlt wie die Sonne.

Der Magister ist froh und guten Mutes. Er macht sogar einige Witze mit den Vorübergehenden.
Alsbald hält die Kutsche vor einem alten und großen Haus an.
Aus dem Haus kommt ein Diener, der die Wagentür öffnet und der Dame seine Hand reicht.
Die Unbekannte geht ein paar Schritte, aber Martin hat sich noch nicht dazu durchgerungen, mit ihr zu sprechen.
Er zögert, weil er eine weitere Enttäuschung befürchtet.
Man kann kaum hören, wie Martins Mund irgendeinen Namen flüstert.
Die schön gekleidete Frau geht weiter und steht bereits an der Schwelle des Hauses.
Jetzt heißt es, nicht länger warten. Martin ruft die Frau beim Namen.
Die Frau dreht sich um und Martins glückliches Gesicht wird düster und grau.
Er versteht, dass er sich wiederum getäuscht hat.
An der Universität hält der Professor der Juristerei eine Lektion. Er wirft die ganze Zeit Blicke auf den leeren Platz von Martin. Martin kommt vorsichtig ins Auditorium und versucht nicht aufzufallen, aber Lachen und Spott begleiten seinen Auftritt im Auditorium.
Der Magister setzt sich an seinen Platz und bemerkt erst jetzt, dass seine Hände blutbefleckt sind.
Alle sind betäubt und einzig der Professor fragt Martin: "Muss ein Jura-Student etwa noch im Schlachthof dazuverdienen, um sein Studium zu bezahlen?
Lautes
Lachen bricht das Schweigen im Saal.
Alle lachen Martin aus, aber sein starrer Blick zähmt alle.
Man hasst den Magister offen und
fürchtet ihn. Seine niedrige Herkunft und die ungeformte und plumpe Gestalt des Jungen sind schon seit langem in aller Munde.
Die Lektion ist vorbei und der Magister wäscht sich die Hände.
Das blaue Wasser wird dunkelrot und bestätigt das alte Sprichwort: "Je länger wir uns waschen, je unreiner wir werden".
Ein paar enge Bekannte umgeben Martin und stellen ihm unzählige Fragen, die er alle unbeantwortet lässt.
Gerade jetzt erscheint wie aus dem Boden ausgespuckt Crotus Rubianus und erzählt ohne mit der Wimper zu zucken eine von ihm gerade erst erfundene romantische Geschichte. Ihr zufolge hatte sich der eifersüchtige und undankbare Ehemann entschieden, sich für die Hörner, die ihm seine Frau unter reichlicher Mithilfe von Martin aufgesetzt hat, beim Magister zu rächen. Aber alles geschah so, dass kein anderer als der "Philosoph" den Mann und sein Gefolge in die Flucht schlug.
"Philosoph" – das war Martin Luthers Spitzname an der Universität, den ihm seine Kommilitonen für die Stärke gaben, seine Gedanken klar und einfach zu formulieren. Martin diskutiert gern und scheut sich nicht, Fragen zu Glaube und Wissen, Philosophie und Theologie zu stellen.

 

Wie viele gehemmte und zutiefst niedergeschlagene Jugendliche benutzte Martin seine musikalischen Gaben, Lautenspiel und Gesang, um ein willkommener Gefährte im Freundeskreis zu bleiben. Er erhielt jedoch bald den Beinamen „Philosoph“. Der Professor glaubt, Martin habe ihn bekommen, weil er in der Disputation so gut, der Psychiater meint, weil er in ihr so „morbide“ gewesen sei. Wahrscheinlich bezog sich der Spitzname auf Martins ungewöhnliche und vermutlich schwerblütige Aufrichtigkeit und auf sein Bemühen um zuverlässige Formulierung.  

 

Die Zuhörer schauen sich noch ungläubig einander an, nicht wissend, was sie an der Geschichte glauben sollen, mit der sie Krotus gerade bekannt gemacht hat: Aber Krotus beschreibt den Kampf unverfroren bis ins letzte Detail. Seine unübertroffene Kunst alles zu übertreiben und zu verfälschen, macht aus dem Bäcker vom Markt einen angesehenen Würdenträger, der zu allen Seiten von seinen treuen Leibwächter umgeben ist.
Nach dem Mittagessen setzt der Professor seine Lektion fort. Er fragt die Studenten, wie das Universum aussieht. Alle schweigen. Dann richtet er diese Frage an Martin, um klar und öffentlich seine Unwissenheit zu zeigen. Aber Luther antwortet ohne Mühe, ganz monoton:(spricht monoton einen auswendig gelernten Text):         "Alles ist Bewegung, denn nur durch aus Bewegung hervorgehender Veränderung werden Möglichkeiten zu Realitäten. Das Universum bewegt sich in zehn Kreisen. Sieben Planetenhimmel, das Firmament der Sterne, der Kristallhimmel und die Sphäre des „ersten Beweglichen“ kreisen um die Erde. Nur Gottes Wohnung über allem bewegt sich nicht. Zwar ist die Erde Mittelpunkt dieses Universums, aber sie ist winzig, nicht mehr als ein Punkt. Ihre Existenz ist in der gleichen qualvollen Weise paradox wie die des Menschen. Obwohl Mittelpunkt, ist sie nebensächlich. Und der Mensch, obwohl scheinbar so furchtbar wichtig für Gott, ist doch ganz und gar entbehrlich. Alle Körper sind den unumstößlichen Gesetzen von „Generatio“ und „Corruptio“ unterworfen. Gott ist es nicht. Er kann erwecken, was tot ist, und er kann alles».

 

Diese Antwort ist richtig und entspricht völlig der mittelalterlichen Vorstellung.
Der Professor sieht sich gezwungen, Martin Recht zu geben und lobt seinen Schüler sogar.
Nach dem Ende der Vorlesung geht Martin mit zerknirschten Gefühlen wieder zurück in die Herberge. Auf dem Weg dorthin geht er in eine Kirche. Martin betet verzweifelt und ruft zu seiner Retterin, der Heiligen Anna. Oft verwechselt er den Namen der einen Frau mit dem einer anderen - "Ursula".
Als er aus der Kirche kommt, trifft Martin auf Gertrude, die in Martin verliebt ist und sich auch seiner Zuneigung erfreut. Aber das heutige Treffen mit der Frau, die er für Ursula hielt, geht ihm nicht aus dem Kopf. Martins trauriger Anblick lässt das junge Mädchen vorsichtig werden. Sie befragt ihn lange wegen der Ursache seiner schlechten Laune.

Martin gibt nichts zu und beschließt, Gertrud nach Hause zu bringen.
Zum Abschied küsst das Mädchen den Magister in geht ganz in Tränen von ihm weg.
Auf dem Hof der Herberge sieht Martin den Diener seines Vaters, der auf dessen Geheiß herkam.
Er übergibt dem Magister Geld und einen Brief. Martin liest ihn sorgfältig, und ist noch mehr bedrückt, weil er nicht nur auf einen Brief, sondern auf den Vater selbst gewartet hatte, der schon lange versprach, ihn einmal in Erfurt zu besuchen.
Martin sieht wehmütig auf die untergehende Sonne und kann sich nicht aufmachen, die Schwelle des zweistöckigen Gebäudes der Burse zu überschreiten, die seit langem für ihn zum Grab geworden ist.

Die Einrichtung der Herberge ist bescheiden. Alles scheint kalt und asketisch.
Wie immer speist er mit seinen Freunden in der Kantine zu Abend, die sich auf der ersten Etage befindet. Martin selbst lebt in der zweiten Etage in einem Zimmer, das für 5 bis 10 Studenten vorgesehen ist. Er steigt die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Ein paar kleine Fenster lassen das Abendlicht in den kalten und düsteren Raum. Die Betten der Studenten stehen links und rechts. Zwei Bänke stehen am langen Gemeinschaftstisch. In der Mitte hängt ein hölzernes Kruzifix an der Wand. Martin wirft einen Geldbeutel verächtlich in das Nachtschränkchen und legt den Brief obenauf, um ihn später noch einmal durchzulesen.


Im Zimmer bereiten sich die Studierenden zur Nacht: der eine legt sich hin, der andere liest, der nächste betet.
Crotus Rubianus kommt herein und hält zwei Gläser Bier in seinen Händen. Eines davon bietet er Martin an, der aber lehnt ab. So stellt ihm Crotus das Bier in dessen Spind und entdeckt das Geld und den Brief. Ohne um Erlaubnis zu bitten, liest er den Brief.
Bald macht Crotus Martin eine deutliche Anspielung, dass es an der Zeit ist, dessen zweiten akademischen Grad - Magister der freien Künste - zu feiern. Martin stimmt dem zu und lädt alle Studenten für den nächsten Tag in das Gasthaus ein. Ein lauter allgemeiner Freudenruf geht durch die Herberge und eine Minute später kommt der beunruhigte Herbergsvater mit seinem großen Schlüsselbund in den großen Raum.
Er erinnert die Herren Studenten noch einmal daran, dass eine Beleidigung in der Herberge mit einer Geldstrafe von zwei Pfund Wachs belegt ist, die man für die Bedürfnisse der Burse abgeben muss. Wenn jemand einen Stein wirft oder den Dolch zieht, so bezahlt er schon drei Pfund, und für einen Kampf mit Verletzungen wird der Verursacher schon zwei Goldtaler zu bezahlen haben. Aber alles ist ruhig und der Vorsteher geht mit stark schlürfenden Schritten fort.

 

Die ganze Nacht reden die Studenten nur davon, dass sie dem morgigen Abend mit Ungeduld entgegensehen. Man erinnert sich an das Aufnahmeritual als Student.

 

Nun, nach der Immatrikulation, war Luther erst eigentlich Student. Daß er jetzt einem ganz anderen Stand angehörte, aus „tumber Torheit“ zu einem reinen Leben gelangen würde, verdeutlichten ihm, dem Beanus, dem Neuling, seine älteren Bursenkameraden, als sie ihn, wie jeden Neuling, einer recht rohen Taufe unterzogen: Schauerlich maskiert, mit Eselsohren und Eberzähnen, mit Scheuklappen und Hörnern verunstaltet, führte man ihn zum Ergötzen der anderen herein, trieb seinen Spaß mit ihm und hielt ihm, getragen vom Dünkel des Graduierten, die ganze Erbärmlichkeit seiner bisherigen Existenz vor: seine Dummheit und tierische Ungebärdigkeit, seine Engstirnigkeit und Einfalt. Diese wurde, schmerzhaft genug, ihm nun ausgetrieben: Die Ohren wurden abgeschnitten, die Schweinshauer ausgerissen, Scheu-klappen und Hörner abgenommen. Eine kalte Dusche beendete die „Taufe“. Und der Beanus hatte noch gute Miene zu machen und musste, wie es Brauch war, die Bursalen zu einem Fest-mahl laden. - Luther mag sich seiner eigenen Deposition, wie man in der Studentensprache dieses recht rüde Tilgen geistiger Unreife nannte, lebhaft erinnert haben, als er sie in späterer Zeit verteidigte und bei Tische einst sagte, sie lehre, dass wir uns selbst erkennen, wer und wie wir sind … Darum demütigt euch. Lernet dulden.

 

Es ist spät in der Nacht. Alles schläft. Die Stille wird von Martins Schrei zerrissen.
Ihn quält nach wie vor ein und derselbe Traum. Der fürchterliche Teufelsspuk geht nicht weg.
Noch vor kurzem, an der Lateinschule, war er gezwungen, von Haus zu Haus zu gehen und mit Singen seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Einmal sang er bei strömendem Regen mindestens eine Stunde an der Schwelle eines wohlhabenden Hauses, aber anstatt Brot legte man einen Stein in seine Hand.


Diese Undankbarkeit und Kränkung gibt Martin keine Ruhe. Und ihm scheint manchmal, dass nicht ein Mensch, sondern Gott selbst den Stein in seine Hand gelegt hatte.
Martin sitzt lange auf seinem Bett, steht dann auf und geht leise durch die Herberge.
Er öffnet das Fenster und schaut lange auf den nächtlichen Sternenhimmel.
Dann öffnet er bei Vollmond die Bibel aufs Geratewohl und liest einen Auszug daraus.
Hebräer 10: 30, 31: "Denn wir kennen den, der gesagt hat: "Die Rache ist mein, ich will vergelten", und wieder: "Der Herr wird sein Volk richten.“ Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen."

Martin fällt die Bibel aus der Hand. Sie fällt zu Boden.
Martin erinnert sich an sein Leben, als er noch Junge war.

 

Seltsame Geräusche von Wind und Wasser, eigenartige Schauspiele in Dunkelheit und trügerischem Zwielicht wurden in Luthers Kindheit als natürlicher Beweis für das Dämonenvolk angesehen, ausgesandt von Zauberern und Hexen, die nur friedlich waren, solange man ein  Auge auf sie hielt – das heißt, vorsichtig und misstrauisch genug war.

 

Bis jetzt kann er seiner Mutter Margarethe nicht verzeihen, die wegen einer Nuss, die er  ohne Erlaubnis vom Tisch genommen hatte, ihn fast totschlug. Dann seine Herumtreiberei in Magdeburg. Nur der Vater besuchte ihn, aber seine kurzen Besuche waren so selten, und jedes Mal endeten ihre Treffen mit einem lebhaften Skandal.
Martin ist nur ein Mittel für die ehrgeizigen Pläne seines Vaters.
Martin scheint, es wäre besser gewesen, dass er überhaupt nicht geboren wäre, als diese Leiden zu erleben, die ihm das Schicksal eingebracht hatte.
Martin wuchs faktisch als Waise auf, obwohl seine Eltern am Leben waren. Er hatte von ihnen keine Wärme und Fürsorge erfahren. Er war allein. Und vor allem, ihn liebt niemand.
Nur in Eisenach, in seiner Lieblingsstadt, fühlte Martin, was es bedeutet, in einer wirklichen Familie zu leben.

 

Luthers Familie hat ein enges, düsteres Haus mit wenigen kleinen und niedrigen Stuben, mit schlechtem Licht und schlechter Luft bewohnt, in dem Eltern und Kinder eng zusammengepfercht waren.

 

Die entfernten Verwandten der Mutter von Martin weigerten sich, ihn bei sich aufzunehmen. Aber jedes Unglück hat auch etwas Gutes. Denn sonst hätte Martin nicht das Glück gehabt, die gastfreundliche Patrizierfamilie Cotta: Conrad und seine Frau Ursula, kennen zu lernen und bei ihnen mehr als zwei Jahre zu leben.
In dem Haus, in dem sich Martin erstmals zu Hause und erwünscht fühlte.
Die neue Situation überraschte Martin. Er fand Eingang in ein lebendiges Märchen.
Schöne und gut gekleidete Menschen waren nun um ihn herum. Ihre Manieren und der Umgang mit ihm waren kein Vergleich zu dem, was er früher mit ansehen und an seiner eigenen Haut erfahren musste.
Martin fühlt tiefen Respekt vor Conrad und verehrt Ursula.
Seine Anziehungskraft auf sie war für ihn unerklärlich. Martin sieht zum ersten Mal eine gebildete  Frau, eine Dame, die zauberhaft singt und musiziert, frei diskutiert, drei Sprachen spricht und vor allem gut zu ihm ist.
Die Welt der Musikkultur, der Rhetorik, des Humors und der humanistischen Traditionen eröffnet sich vor ihm. Aber die Hauptsache auf dieser Welt ist sie: Ursula Cotta. Ihr
unsterblicher Anblick, den er nicht vergessen kann.


Martin ist buchstäblich wie ein Schatten hinter Ursula. Er legt sich nicht schlafen, ehe Ursula nicht nach Hause zurückgekehrt ist. Er findet für sich keinen Platz, wenn Männer in ihrer Gesellschaft sind, die die Schönheit und den Anmut der Dame seines Herzens loben.
Martin ist auf Ursula eifersüchtig. Martin liebt sie hingebungsvoll.
Zum ersten Mal in seinem Leben hat Martin Angst, aber nicht um sich, sondern um Ursula, als sie in der Gesellschaft der Papisten offen diskutiert und die Kirche und ihren Führer, den Papst in Rom, kritisiert.
Er erinnert sich gut an die Nacht, als er versteckt in der guten Stube des Hauses Zeuge dieses kompromisslosen Gesprächs war.

 

Der Überlieferung nach soll Martin in Ursula Cotta eine ihm freundschaftlich gesinnte Matrone gefunden haben, die seine Musikalität und Frömmigkeit schätzte, sich des Jungen ohne Bleibe (denn seine Verwandten hatten ihn nicht aufgenommen) erbarmte und ihm tatkräftiges mütterliches Interesse, vielleicht auch noch eine andere Art weiblichen Gefühls entgegenbrachte. (Zu diesem Zweck entledigte sich die Legende ihres Gatten. In Wirklichkeit war dieser jedoch wohlauf und behandelte Martin freundschaftlich.) Es ist auf jeden Fall interessant, dass hier ein Versuch gemacht wurde, Martin mit einer zweiten Mutter zu versehen, die angeblich in dem einsamen Jungen Phantasie und Musikalität erkannte, Eigenschaften, die er als kleines Kind wahrscheinlich mit seiner richtigen Mutter hatte teilen dürfen. Diese Legende zeichnet auch das unsterbliche Bild vom jungen Martin.

 

Martin ist noch immer nicht eingeschlafen. Seine Lippen flüstern nur eins: "Wo bist du denn, Ursula Cotta?".
Es sind vier Jahre vergangen, dass Martin Eisenach verlassen hat, aber bisher hat er keine Nachrichten von seiner Herrin empfangen. Hat man ihn etwa vergessen?
Und in diesem Moment kommt eine Kutsche sehr schnell angefahren, die von ermüdeten Pferden gezogen wird. Die Kutsche macht nur kurz auf dem Hof halt.
Wer kommt da? - Es ist nicht klar. Das Gesicht des Ankommenden ist nicht zu sehen. Nur die Kleidung verrät, dass es sich um einen Mann handelt. Der Kutscher flucht verzweifelt und bettelt um Gnade, wenn schon nicht für sich selbst, so doch wenigstens für die Pferde.
Aber der Unbekannte achtet nicht auf die Worte des Kutschers, setzt sich schweigend in das Gefährt  und geheißt, weiterzufahren.
An der Kreuzung ist ein Wegweiser zu sehen. Er zeigt die Richtung an.
Das Schild besagt, dass es bis zur Stadt Erfurt 20 Meilen ist. Hinter der Kutsche erhebt sich eine Staubwolke.
Martin kann die ganze Nacht nicht einschlafen und nickt erst im Morgengrauen ein. Deshalb geht bei Martin am nächsten Tag alles schief.
Er spricht und antwortet unpassend, schaut sich die ganze Zeit um und hört scheinbar Stampfen von Hufen und Knarren von Wagenrädern.
Ist dies nur ein weiterer Irrtum von Martin oder die Realität?
Martin kommt in den Gasthof, um mit dem Wirt wegen der heutigen Feier seines zweiten akademischen Titels zu verhandeln. Der Wirt nennt ihm eine stattliche Summe, und Martin ist ohne zu feilschen einverstanden.

Crotus, der zu spät zu den Verhandlungen dazustößt, ist erbost über die fehlende Geschicklichkeit  seines Freundes und drängt darauf, die Anzahlung vom Wirt zurückzuverlangen, da er meint, dass man nicht so leichtsinnig mit Geld umgehen sollte.
Aber der gewitzte Wirt des Gasthofes beginnt lebhaft und farbenreich ein Bild von der bevorstehenden Sause zu malen: das Feuer im Kamin brennt, wo ein ganzes Ferkel am Spieß brät. Eine Menge von herzhaften Gerichten werden wie sonst die weißen Tischdecken die Holztische bedecken. Silberbecher, Gefäße und Krüge werden mit köstlichem Wein gefüllt sein. Ein ganzes Fass Bier wird in die Mitte des Gasthauses gerollt, und jeder kann sich so viel holen, wie er verträgt.
Die besten Erfurter Musikanten werden unermüdlich bis in die Morgenstunden aufspielen, hübsche Mädchen werden für die Herren Studierenden tanzen.
Crotus ist nicht mehr in der Lage, dieser schönen Aussicht zu widerstehen, fordert aber statt einem gleich zwei Fässer Bier.
Der Wirt zeigt sich einverstanden, verlangt aber, dass Martin die ganze vereinbarte Summe gleich bezahlt. Crotus und der Wirt beginnen wiederum zu streiten.
Martin bezahlt die Summe und verlässt daraufhin das Gasthaus.
Martin besucht die Universitätsbibliothek. Er liest die Bibel in lateinischer Sprache.
Dann nimmt er ein Neues Testament in griechischer Sprache zur Hand. Da er sich nicht sicher ist, öffnet der Magister ein Wörterbuch Latein-Griechisch. Innere Zweifel zerstreuen sich und irgendeine Vermutung ergreift Martin. Er hat etwas Neues für sich entdeckt.
Aber dieses Neue ist so unverständlich, so offensichtlich geht es gegen die Vorstellungen von heute, dass es nicht nur laut zu sagen, sondern auch nur zu denken als sündig gilt.
Und dann erscheint Crotus, wie immer völlig unerwartet: Er weiß als Einziger, wo man den Magister finden kann. Der, der die Einsamkeit sucht, sitzt wieder über den Büchern wie ein Bücherwurm.

Crotus fragt Martin, ob Gertrud heute eingeladen ist, aber der Magister zuckt nur mit den Schultern, wortkarg sich entschuldigend für sein gestriges Verhalten. Crotus verspricht, die  Schuld seines Freundes an Gertrud wiedergutzumachen und ist bereit, sie im Namen von Martin einzuladen. Martin stimmt dem zu.
Eine Kutsche mit einem Unbekannten erscheint in der Stadt. Einige Straßen von der Georgenburse  entfernt hält sie an und ein Fremder, gekleidet wie ein Lateinschüler, steigt aus ihr aus.
Glocken läuten: Es ist halb acht am Abend.
Das Zimmer, in dem Martin mit den anderen Studenten lebt, ist bereits verlassen.
Nur Martin ist zurückgeblieben. Er sucht irgendetwas und schaut dabei in jeder Ritze nach.
Doch das, was er sucht, kann er nicht finden.
Ins Zimmer tritt keuchend Crotus und sagt, dass alles soweit ist.
Gertrud kommt heute ins Gasthaus, um zu sehen, dass Martin in die Reihe der Magister aufgenommen ist. Und sie bringt auch ihre liebste Freundin mit. Diese Tatsache scheint eine gute Belohnung für Crotus’ Vermittlung zwischen den beiden sich liebenden Menschen zu sein.
Crotus ist bester Stimmung und fällt mit Getöse auf ein fremdes Bett.
Bald steht er von ihm auf und gibt ihm den Anschein, dass da jemand schläft. Auf diese Art sind alle Betten zurechtgemacht, damit der etwas schlecht sehende Herbergsvater keinen Unterschied bemerkt.
Warum sollte er erfahren, dass niemand in diesem Raum heute nacht da ist, geschweige denn schläft.
Die Studenten haben sich bereits im Gasthaus versammelt und warten nur noch auf Martin, damit die Feier beginnen kann.
Martin ist noch auf der Suche nach seinem Dolch, einem wichtigen Statusssymbol der Studenten, denen das Recht gegeben ist, “kalte” Waffen zu tragen.
An der Suche nach dem Dolch beteiligt sich auch Crotus, aber alles ist vergebens. Der Dolch findet sich nirgends.
Crotus bietet Martin seinen Dolch an, aber der lehnt ab und sucht weiter seinen.
Er stellt den ganzen Raum auf den Kopf. Crotus räumt alles nach Martin wieder auf.
Crotus’ wachsamer Blick fällt auf das hölzerne Kruzifix.

Im Leib Christi steckt Martins Dolch.
Crotus beeilt sich nicht, Martin von seiner Entdeckung zu erzählen, sondern verlangt, dass er zuvor einen Eid ablegt. Denn eine schwere Sünde kann man nur mit einer großen Sünde austreiben..
Das heißt, dass Martin diesen Abend und den Rest der Nacht in solchem Laster und Ausschweifung verbringen soll, wie es diese fromme Universität noch nicht gesehen hat.
Martin ist einverstanden und zieht das Messer aus dem Kruzifix, befestigt es an seinem Gürtel und will den Raum schon verlassen.
Aber da hält ihn Crotus zurück und sagt ihm, dass er gerade erst einen Lateinschüler von Eisenach getroffen hat, der unbedingt den Baccalaureus Luther sehen wollte.
Der Witzbold in Crotus antwortete dem unbekannten Schüler ernsthaft, dass er keinen Baccalaureus Luther kenne, da ihm nur ein solcher Magister der freien Künste bekannt ist.
Und nur deswegen begleitete er den Lateinschüler zur Tür des Zimmers in der Burse, der jetzt auf dem Flur steht und wahrscheinlich ihr Gespräch mithört.
Die Glocken schlagen Viertel vor acht. Die Zeit ist knapp.
Aber Martin will trotzdem mit dem unbekannten Studenten sprechen und meint, dass ihr Gespräch sicher nicht länger als eine Minute dauern würde.
Erst nach dieser Absprache lässt Crotus den Schüler hinein und geht selbst hinaus.
Martin sieht einen Unbekannten vor sich, der ganz in schwarz gehüllt ist und sich die Kapuze über den Kopf gezogen hat.

Der Magister zeigt mit seiner ganzen Art, dass er sehr in Eile ist und bittet den Schüler, gleich zur Sache zu kommen.
Aber der Schüler scheint nicht auf den Magister zu hören, sondern betrachtetneugierig das Interieur des Zimmers. Der Schüler ist in allen seinen Bewegungen bedächtig und dreht jedes Mal das Gesicht zur Seite, wenn Martin ihn direkt ansieht. In dem dunklen Zimmer sind die Gesichtszüge des Unbekannten nicht einfach zu erkennen. Die Wichtigste ist jetzt zu erfahren, was ihn zu Martin führte.

Ohne Hast, geradezu absichtlich, erzählt der Unbekannte, dass er drei Tage und zwei schlaflose Nächte auf dem Wege zugebracht hat und deutet damit an, dass der Magister höflicher zu dem sein sollte, der einen Brief aus Eisenach bringt.
Martin bittet ungeduldig, ihm den Brief zu geben, aber der Unbekannte zuckt nur mit den Schultern sich entschuldigend, dass ihm der Brief auf dem Weg verloren gegangen ist. Martin ist verärgert, dann bittet er, den Adressaten des Briefes zu nennen.
Aber auch diese Frage bleibt ungeklärt, weil der Bote vergessen hat, wer den Brief an Martin geschrieben hat.
Da kommt Crotus in das Zimmer, der annimmt, dass das Gespräch zu Ende ist und es ist an der Zeit, sich zu beeilen, um die Herberge zu verlassen, solange der Herbergsvater die Tür noch nicht abgeschlossen hat.
Martin schildert kurz, was passiert ist und Crotus macht sich über den Lateinschüler lustig.
Der Schüler bleibt auch nichts schuldig und sagt, dass er bereit ist, sich an den Adressaten zu erinnern, wenn Crotus den Raum verlässt. Dieser geht mit zusammengebissenen Zähnen, fordert aber noch von Martin, mit diesem arroganten und dummen Schüler kurze Sache zu machen.
Nach vielem Hin und Her von Seiten des Lateinschülers kann Martin endlich herausfinden, dass den Brief Ursula Cotta geschrieben hat.
Diese beiden Worte ändern Martins Absichten. Er ist jetzt bereit, für immer von Ursula zu hören.

Aber Crotus hat endgültig die Geduld verloren und stürmt ins Zimmer und will fast mit Gewalt Martin aus den Mauern der Herberge fortschaffen. Aber der Magister lehnt kategorisch ab.
Crotus versucht, Martin zur Vernunft zu bringen, aber dieser ist eisern.
Der Magister schickt Crotus wieder hinaus.
Ein solches Verhalten sich gegenüber kann Crotus nicht ertragen sagt Martin alles, was er so über ihn und seinen Vater denkt.
Im Zorn nennt er Martin einen "Bauernsohn" und dass er es als Adliger für schmählich hält, an einem Tisch mit einem Bauern zu sitzen.
Die jungen Burschen reden miteinander mit erhobener Stimme und sind bereit, miteinander zu kämpfen. Aus den Busenfreunden sind in einem Augenblick erbitterte Feinde geworden.
Es scheint, als würde gleich Blut fließen, da geht der Lateinschüler unerwartet dazwischen und versucht mit allen Kräften das nicht wieder wieder Gutzumachende zu verhindern.
Er versucht tapfer, die Studenten zur Geduld zu bringen.
Aber alle seine Argumente bleiben ungehört und dann beginnt er, ob seiner Ohnmacht zu weinen.
Diese unerwartete Reaktion des Lateinschülers aus Eisenach entmutigt die sich Duellierenden und beide versuchen so gut sie können, den Lateinschüler zu trösten. Aber alles ist vergebens.
Der Bote aus Eisenach weint bitterlich wie ein Mädchen und heult sogar.
Martin gibt dem Schüler ein Taschentuch, Crotus bringt eine Tasse Wasser, aber der Schüler weigert sich, ihre Hilfe anzunehmen, solange sich die Beiden nicht aussöhnen. Martin bittet Crotus um Vergebung, aber der ist unnachgiebig. Er verlässt demonstrativ den Raum und sagt, dass er das Geld von Martins Vater im Gasthaus verjubeln und sich jetzt als böser Feind auch um Gertrud kümmern wird.
Aber Martin hört die Worte Krotus' scheinbar nicht. Er wartet nur darauf, alles über Ursula zu erfahren und den Schüler ausführlich über Ursula befragen zu können, über die beste Frau der Welt, die ihn doch nicht vergessen hat.

Es ist schade, dass der Brief verloren ging und der Bote aus Eisenach all die Abschiedsworte  vergessen hat, aber er diesem in die Augen sehen würde, könnte er sicherlich Ursulas Spiegelbild sehen.
Martin und der Unbekannte bleiben allein.
Als er so viele gute Dinge über Ursula hört, zittert die Stimme des Lateinschülers und dem Magister scheint, dass es dem "Lateiner" für einen Moment gelungen war, die Stimme von Ursula nachzuahmen.
Er bittet, ihn wiederum bei seinem Namen zu rufen, um sich noch einmal in einem süßen Traum zu wiegen.
Der Schüler besteht darauf, dass der Magister alle Kerzen im Raum anzündet und nimmt dann die Kapuze ab. Martin erfüllt den Wunsch des "Lateiners" und steht mit dem Rücken zu ihm.
Der Magister dreht sich um und sieht Ursula Cotta vor sich.
Martin kann lange seinen Augen nicht trauen. Er nimmt zwei Schritte zurück, so unerwartet war die Erscheinung der schönen Frau für ihn.
Ihn befällt Zweifel, ob dies Traum oder Wirklichkeit ist.
Wie ein von einem Blitz aus heiterem Himmel Getroffener, lallt Martin nur zusammenhanglos und schaut ... und schaut ... und schaut.
Ursula lächelt den Magister nur sanft an.
Und wieder erscheint Crotus im Zimmer: Der ganze Plan seiner Rache an Martin ist zum Teufel, denn der Herbergsvater hat die Bursentür bereits zugesperrt.
Zunächst bemerkt Crotus nicht einmal die Anwesenheit der Frau, und erst, als er sie sieht und in die verliebten Augen des Magisters schaut, versteht er alles auch ohne Worte. Ja, das ist sie - Ursula Cotta.
Crotus erpresst Martin offen, indem er ihn darauf hinweist, dass die Anwesenheit von Frauen in der Burse strikt verboten ist und man mit dem Ausschluss aus der Universität belegt werden kann.
Aber das kümmert Martin jetzt nicht. Dann sagt Crotus, dass, wenn Untersuchungen angestrengt werden, könnten auch die Ehe der Frau und ihr Name öffentlich gemacht werden.

Martin übergibt dem Erpresser das ganze verbliebene Geld, das ihm sein Vater geschickt hatte. Crotus weigert sich, Ursulas Geld zu nehmen, das diese bereit ist, zu opfern, um Martin zu retten.
Die Augen des ehemaligen besten Freundes brennen vor lauter Hass, aber der verliebte Magister bittet ihn, sie endlich allein zu lassen.
Crotus hat vor, aus einem Fenster im Flur zu steigen und aus dem ersten Stock zu springen. Crotus verschwindet.
Martin weiß nicht, was er mit Ursula tun soll.

Martin: Wie bin ich froh, Sie wiederzusehen! Aber sind das wirklich ... Sie?
Ursula: Was überzeugt dich von der Wahrheit meiner Worte?
Martin: Lassen Sie mich ihre Hände halten.
Ursula: Nimm sie.
Martin (bedeckt sein Gesicht mit Ursulas Händen): Dass sind sie ... sie ... ja, sie. Wie früher spüre ich ihre Zärtlichkeit.
Das Gespräch zwischen den beiden sich Liebenden währt nicht lange, denn Ursula ist fest entschlossen, die Mauern der Burse wieder zu verlassen. Aber die Türen sind fest verschlossen und keine Macht kann den Herbergsvater dazu anhalten, gegen die Bursenvorschriften zu verstoßen.
Dann bittet die Frau um Martins Hilfe und denkt, dass er aus jeder unvorhergesehenen Situation einen Weg finden kann und muss. Schließlich ist er Magister.
Martin lächelt und streckt hilflos die Arme aus, ist aber in Wahrheit über diesen Umstand sehr erfreut. Aber um Ursula nicht zu enttäuschen, gibt er vor, angestrengt nachzudenken.
Seine Stirn legt sich in Falten.
Einen Moment später, bietet er seine erste Variante der Rettung an.
In die Stille der schlafenden Burse schreit Martin hysterisch "Feuer".

Aber solch ein überdrehter Ausweg aus der Situation ist Ursula nicht recht und sie verlangt sofort vom Magister, den Mund zu halten.
Luther erklärt sich mit Ursulas vernünftigen Argumenten einverstanden, dass man nicht "Feuer“ schreien sollte, wenn es kein Feuer selbst, und versinkt wieder in tiefsinnigen Überlegungen.
Martin versucht, einen universellen Schlüssel zu finden, der zur Tür der Burse passt.
Sein neuer Ausruf: "Die Pest ... Pest ... Pest "- versetzt das Herz der Frau völlig in Schrecken.
Der Magister ist nicht mehr aufzuhalten. Mit Tränen in den Augen und mit Trauer verkündet er nach draußen, dass der Papst ... gestorben ist.
Oh, diese Nachricht – so nimmt er an - lässt niemanden gleichgültig und öffnet alle christlichen Türen.
Aber ... die Herberge schläft den Schlaf der Gerechten und Ursula bleibt nichts anderes übrig, als sich in das Schicksal einer Gefangenen zu fügen und die Nacht in den vier Wänden der Herberge zu verbringen.
Martin kann seine Gefühle nicht mehr verbergen und preist den Herbergsältesten und sein Schlüsselbund mit einem dreifachen Hurra.
Ursula versucht, in Martin Scham hervorzurufen und er, traurig geworden, beklagt zusammen mit Ursula, dass er die ganze Nacht nun mit einem Schüler der Lateinschule zubringen muss, obwohl er Spaß bis in die Morgenstunden im Kreise der Freunde haben könnte!
Ursula bedauert aufrichtig, dass Martin der Gelegenheit beraubt ist, die Nacht in Gertruds Armen zu verbringen.
Mit dieser ahnungslosen Offenbarung macht Ursula klar, dass sie das Gespräch von Martin und Crotus mitgehört hat und eifersüchtig auf den Magister und das junge Mädchen ist.
Aber der "Philosoph" ist zu sehr froh, um das zu verstehen.
Er genießt die Gegenwart seiner Geliebten aus Eisenach.


Der Magister ist bereit, für Gutes mit Gutem, für Angenehmes mit Angenehmem, mit Liebe für  Liebe derjenigen zu vergelten, die für ihn alles war.
Ursula versucht, ernsthaft zu sein mit Martin, aber all seine Bemerkungen und Possen rufen bei ihr nur ein Lächeln hervor.
Es scheint so, dass der Magister all die Wissenschaften, die er vier Jahre lang an der Universtität studierte, vergessen hat. Für ihn gibt es jetzt weder Grammatik noch Rhetorik noch Logik noch Mathematik noch Physik oder Metaphysik und vor allem Ethik.
Martin ist einfach nur glücklich. Kein Mensch auf der Erde ist jetzt glücklicher als Martin Luther.
Aber mit Worten allein kann man kaum jemanden ernähren, der viel Tage unterwegs war. Und plötzlich wird Martin bewusst, dass ein gastfreundlicher Gastgeber seinen Gast zuerst bewirten sollte und erst dann ihn ausfragen.
Der Magister nennt sich zurecht einen Esel und fängt sogleich an, sich zu kümmern.
Er durchsucht alle Spinde der Wohnstube und legt alle essbaren Vorräte auf den Tisch. Martin findet ein wenig Schinken, Käse, Brot und Gemüse. Und sogar einen Bierkrug!
Aber Ursula rührt die Nahrung nicht an und denkt, dass man Fremdes nicht anrühren sollte.
Martin beruhigt die nächtliche Besucherin und redet von der Gemeinschaft der Studenten, die hier leben. Alles ist gemeinsam, einer hilft dem anderen.
Ursula fängt an zu essen und damit sie sich nicht vor Martins gebanntem Blick nicht fürchten muss, will der Magister heute nicht nur auf der Laute spielen, sondern auch singen.
Denn die Musik ist ein herzliches Geschenk Gottes, das auch in einem noch so harten fraulichen  Herzen lebendigen Widerhall findet. Er selbst hat sie - die Musik - in gelegentlichem Trübsinn als die beste Labsal erfahren, als schöne Gabe Gottes, die ein bedrücktes Herz wieder erquickt und erfrischt.

Für seine unvergleichliche Kunst bittet Martin Ursula nur um einen Schluck Bier und einen ... unschuldigen Kuss.
Aber der Gast des heutigen Abends will keinen einzigen Tropfen Bier abgeben. Zumal von einem  Kuss erst recht keine Rede sein kann.
Dann schlägt Martin vor, nach alter Sitte auf die Brüderlichkeit zu trinken, was sich ursprünglich  kluge und großzügige Menschen ausgedacht haben.
Und nun küsst Martin Ursula. Schnell macht sich die Frau von Martin los.
Der Magister bittet darum, den Kuss zu wiederholen, da er, wie er sagt, nichts gefühlt hat.
Aber dieses Mal ist Ursula unerschütterlich und bittet den Magister, vernünftig zu sein.
Aber Martin ist nicht in der Lage, dem weisen Rat seiner Herrin zu folgen.
Der Schmerz der Trennung, der unendlich lange vier Jahre gedauert hat, ist noch in frischer Erinnerung und man möchte sich jeden Moment dieser unerwarteten Begegnung erfreuen.
Ursula korrigiert nachsichtig Martin, indem sie den langen 4 Jahren noch genau 2 Monate und 13 Tage hinzufügt. Die Trennung war für sie genau so schwer wie für den Magister.
Im Wohnzimmer herrscht eine lange Pause.
Aber die Zeit ist unerbittlich. Sie ist gleichgültig gegenüber den menschlichen Bitten und mit jeder Sekunde nähert sich der Abschied.
Martin möchte sein "Glück" umarmen, aber die Frau entzieht sich seinen Umarmungen.
Der Junge kann nicht begreifen, was er falsch gemacht hat.
Ist etwa sein unbeholfenes Äußeres an allem schuld?
Ist es so wichtig, wie eine Person aussieht, wenn es da noch seine innere Welt gibteine helle und gute.
Wie sehr möchte man wissen, dass man geliebt ist von der, die man selbst vergöttert!
In aller Offenheit erzählt Martin Ursula von den Zweifeln, die den Magister bewegen.
Ihm zufolge muss man etwas in diesem Leben verändern, weil es so nicht mehr weitergehen kann.
Martin spricht über sich und Ursula, aber die Frau erinnert sich irgendwie an die denkwürdige Begegnung mit einem Bettler, der genau so von kommenden großen Veränderungen in der Natur der Dinge gesprochen hat, die wir wieder neu für uns entdecken müssen.
Die Mönche fressen die Eier gar auf, dass die Pfaffen keine Hühner bekommen können; … die Pfaffen fressen die Hühner, dass die Mönche keine Eier kriegen können.
Martin hört nicht auf Ursula und sieht ihre Geschichte als Ablenkung an, um vom Thema ihrer Intimität abzuschweifen.
Der Magister versucht, die Gunst der Ursula zu bekommen.
Spätnachts.
Die Müdigkeit nach drei langen Tagen macht sich bei der Frau immer mehr bemerkbar und sie legt sich angekleidet auf Martins Bett.
Ursula hat Angst, mit dem Magister zu sündigen. Der Wunsch wächst mit jeder Minute, aber sie widersteht mutig seiner Versuchung.
Luther sieht Ursula flehend an ...
Die Frau bittet Martin, sich auf das nächste Bett zulegen, dasjenige, das näher steht.
Das ist alles, was Ursula für den Magister tun kann.
Aber das Herz des jungen Mannes akzeptiert keine Absage. Alles oder nichts!
Um den Widerstand der Ursula zu brechen, zeigt Martin auf zwei Ablassbriefe, die er bei Gelegenheit gekauft hat. Er möchte beide Namen in sie hineinschreiben, damit Mann und Frau sich wieder als rein und keusch betrachten können. Der Ablassbriefdas ist die Vergebung aller Sünden.
Aber nur ein bestimmtes Nein hört Martin als Antwort.
Dann schlägt der Magister vor, nur einen Namen hineinzuschreiben. Ursulas Namen.
Martin ist bereit, alles zu opfern, auch seine unsterbliche Seele, nur um die Nacht mit Ursula verbringen zu können. Was dann mit Martin passiert, darum kümmert er sich nicht.

Aber die Worte des Magisters beleidigen Ursula nur.
Wie konnte Martin so niedrig von ihr denken?
Ursula nimmt dieses Opfer nicht auf sich. Gewissen und Pflicht erlauben es ihr nicht, über ihren eigenen Schatten zu springen. Die Liebe zu Gott, der Gehorsam zu Ihm – das ist stärker als die Liebe einer Frau für den jungen Menschen.
Dies umso mehr, da zwischen dem sündigen Menschen und dem Schöpfer kein Vermittler ist.
Auch kein Papst ist imstande, die Sünden zu vergeben.
Dies kann nur Gott und kein anderer.
Martin sieht eine wirklich glaubende Frau vor sich und muss schließlich aufgeben.
Das einzige, was der Magister von Ursula erbittet, ist, dass er die Nacht neben ihr verbringen und ihre Hand halten kann.
Draußen tobt ein Unwetter. Starker Wind. Ein Gewitter.
Allmählich erlischen die Kerzen im Raum.
Ursula: Martin, die Kerzen gehen aus.
Martin: Wenn ich mit der Sonne bin, fürchte ich nichts. Ich sehe dich und denke an Gott.
(spricht unsicher) Denn du hast mir erzählt, dass er mich scheinbar liebt.
Ursula: Aber Gott ist ja die Liebe selbst! Hast du das noch nicht verstanden?
Martin: Und was ist mit dem schrecklichen Gericht?
Ursula: Wer die Liebe selbst ist, der schenkt auch nur sie. Er wird für uns nicht zum Henker. Er ist das wahre Heil für die Menschheit, die unvergängliche Hoffnung auf das ewige und schöne Leben, als unser Schöpfer.
Martin: Na, wenn es das ewige Leben sein soll, so nur mit Ihnen. Mit einem anderen wäre ich nicht einverstanden.
Ursula (seufzt): Oh, Martin!
Martin: Sie sind doch meine Religion. Und wenn Sie so an ihn glauben, so habe ich fortan den himmlischen Vater gefunden. (Pause) ER war mit mir in all den Jahren, so nah, an meiner Seite, und immer mir ein Stück voraus. Gott beschützte mich unermüdlich und rief, aber seine Stimme habe ich überhaupt nicht gehört oder, richtiger, wollte sie nicht hören. (Pause) Warum habe ich das Wichtigste nicht verstanden, denn er hat mir Sie geschenkt und dieses Geschenk ist schon kostbar. Ursula! (Stille) (spricht leise und streichelt sanft Ursulas Hand) Sie schläft?! Schlafe sanft, du beste Schöpfung des Höchsten. Neben dir finde auch ich eine Ruhestatt.
Deine Hand, das ist die Hand des liebenden Gottes. Sie führt mich, erhält, schützt, aber ich werde sie nicht mehr loslassen. Einsam in der Finsternis verloren gehen werde ich nicht.
Zum ersten Male herrschen in Martins Herzen Frieden und Ruhe. Der Magister sieht auf die schlafende Ursula und denkt über Gott nach.
Unmerklich schläft auch Martin ein.
Deutlich vernehmbar schlurft jemand über den Korridor der Herberge, in den Händen klimpert ein schweres Schlüsselbund.
Ursula wacht auf. Behutsam steigt sie aus dem Bett, sieht den schlafenden Martin, küsst ihn zum Abschied und geht. Leise schließt sie hinter sich die Tür.
Gleich danach kommt Crotus ins Zimmer:
Er schüttelt Martin und versucht mit allen Kräften, ihn zu wecken.
Der Magister öffnet seine Augen.
Crotus erzählt ihm stockend, dass Ursula gegangen ist, und noch wäre es nicht zu spät, um sie zurückzuholen.
Als er zu sich kommt, springt Martin vom Boden auf, wo er die ganze Nacht verbracht hatte und läuft zur Tür.

Er öffnet sie weit, aber nach einer Weile schließt er sie langsam wieder.
Ganz in Gedanken kehrt der Magister wieder zurück und setzt sich auf sein Bett.
Er nimmt das Kissen zur Hand, auf dem Ursula schlief und atmet ihren Duft ein.
Crotus zögert nicht, Martin anzuschreien und versucht, ihn zur Vernunft zu bringen.
Die gelassene Reaktion des Magisters auf das Geschehen ist ihm unverständlich und ärgert ihn nur.
Er sieht machtlos mit an, was jetzt in Martins Kopf vor sich geht.
Dann bietet Crotus dem Freund seine selbstlose Hilfe an und ist bereit, selbst nach Ursula zu suchen.
Martin bittet, dies nich zu tun, weil die Wege der Verliebten in dieser Welt für immer auseinander gegangen sind.
Aber es gibt eine andere Welt und nur dort werden der Magister and Ursula zusammen sein.
Martins wunderlichen Äußerungen verwirren Crotus, der sich nun dem Meister offenbart, dass er die Nacht vor der Tür verbracht und ihr Gespräch Wort für Wort gehört hatte.
Crotus sagt offen, dass er, ein Mann vom Hofe, Neid auf den Bauernsohn verspürte.
Aber was ist der wahre Grund des Neids?
Krotus: Erst diese Nacht ist mir ein Licht aufgegangen. Zuerst dachte ich, deine Liebe zu Ursula ist an allem schuld, aber dann habe ich plötzlich gemerkt, dass ich eifersüchtig und neidisch auf das Gefühl war, das Ursula in ihrem Herzen für dich bewahrt: Ihre Liebe zu dir, zu dieser unbefleckten Leidenschaft, die wie eine Nymphe, wie ein Heiligenschein, wie ein Talisman dich vor allen irdischen Sünden und Versuchungen schützt. Anfangs war ich nur einfacher Zeuge, dann Ausspäher eurer Gefühle, dann betrogener Liebhaber und schließlich euer unbestechlicher und treuer Wächter.

Martin: Als was?
Crotus: Als Wächter. Denn ich habe euch nicht nur vor euch selbst geschützt, sondern auch vor der

 Welt, die euch ein Feind ist, und ihr seid ihr fremd, als reine und unbefleckte Schöpfungen.

 Und ich schwöre dir, dass niemand über die Schwelle eures kurzen Glücks gegangen wäre,  

 ohne vorher mit mir um Leben und Tod zu kämpfen.

Martin: Ich danke dir, mein Freund.
Crotus: Danke nicht mir. Schließlich sah ich das, woran ich lange nicht geglaubt habe. Also, gehst

 Du, sie zurückzuholen?
Martin: Nein.
Crotus: Dann werde ich selbst es tun. (geht zur Tür)
Martin: Warte! Lass mich dir vorher noch Lebwohl sagen!
Crotus: Wieso sich verabschieden? Jetzt, da du mir so nah und lieb geworden bist? Mach dir keine

 Sorgen, Magister, ich bringe sie hierher, und du erklärst dich ihr nochmal.
Martin: Nicht nötig, Crotus.
Crotus: Was denkst du?
Martin: Ich gehe fort.
Crotus: Wohin?
Martin: In ein Kloster.
Crotus: Das wird ja immer besser. In was für ein Kloster, verdammmichnochmal?
Martin: Ist das wirklich so wichtig? Es gibt so viele von ihnen auf der ganzen Welt, dass es nicht

 schwer für mich sein wird, mich für eines zu entscheiden.

Crotus: Bist Du verrückt, Martin?
Martin: Vielleicht.

Crotus: Aber sage, wann hast du dich dafür entschieden?
Martin: In dieser Sommernacht.
Crotus: Mein Magister, wach endlich auf!
Martin: Genau das habe ich getan!
Crotus: Reiß dich zusammen, Mensch. Mach keinen fatalen Fehler. Sein Leben hinter den Mauern

 eines Klosters zubringen.... Das ist doch wie Zuchthaus für immer. Du Armer!
Martin: Was ist für die ewige Seele ein irdisches Jahrhundert. Das ist nur ein Augenzwinkern.

Aber bald öffne ich  die Augen und bin froh, meine Ursula zu sehen. Um mich nicht mehr von ihr zu trennen.

Crotus: Du begräbst dich in der Blüte des Lebens! Und was ist mit all dem, was früher mit dir war?
Martin: Es ist gestorben.
Crotus: Und der Magister?
Martin: Ja, er starb, aber es ist geboren ...
Crotus (schreit): Wer?
Martin: Der Mönch.
Crotus: Es ist noch nicht zu spät, mach einen Schritt zurück. Bleib bei deinen Leisten. Wach auf,

 Mann!
Martin: Ich werde immer an dich denken, Crotus, und an alle meine Freunde und Feinde, und du

 denke an mich, denn wir sehen uns zum letzten Mal.
Crotus: Aber Martin ...
Martin: Es ist endgültig. Komm schon, verzeihen wir einander alle Beleidigungen und

 verabschieden uns als Freunde.
Crotus: Nein, als ewige Freunde!
Martin: Jetzt werden die ganze Welt und alle in ihr Brüder.

 

Crotus: Und sogar ich?
Martin: Und auch du!
Crotus: Und Ursula?
Martin: Ursula wird meine Schwester, so wie sie einstmals für mich Mutter war.
Crotus: Warum betrügst du dich so, Magister?
Martin: Alles ist so, wird so sein und war vermutlich schon so. Mir scheint, ich höre Stimmen,

 unsere Kommilitonen kehren zurück von derr Feier, nun gut, dann bringt mich auch alle

 zur Tür meiner neuen Bleibe.

Crotus (weint): Zum letzten Mal bitte ich und flehe dich an: Lass los von diesem Ansinnen!

Und nun spricht Martin die Worte, die er auch später in Worms sprechen wird. Das ist noch nicht die Rede des Gründers des Protestantismus. Das ist nur die Schwelle dieses Neuen, das bereits im  Magister aufgegangen ist. Und bald wird die ganze Welt davon erfahren.

Martin: Niemals. Mir erlaubt mein Gewissen nicht, dies zu tun. Und du weine nicht. Ich möchte,

 dass deine Seele zusammen mit meiner sich jetzt freut und am Tag der Trennung keine

 weltliche Traurigkeit kennt.

Crotus: Aber bevor du fort gehst, umarme mich. Mit wem bleibe ich jetzt zurück, Martin?
Martin: Du, wie auch ich, werden ewig mit Gott sein, Crotus: Amen.
Crotus: So möge es sein, Magister. Und so helfe dir Gott, Martin Luther.

 

Luther umarmt Rubianus und sie stehen lange so da und verstecken in ihrer Umarmung die jugendlichen Tränen. Einer nach dem anderen kommen die Studenten ins Zimmer und sehen dem Abschied der Freunde lange zu.

 

Ein Junge wurde vom Lehrer heimlich zum „lupus“, zum „Wolf“ ernannt. In seinem Auftrag hatte er den „Wolfzettel“ zu führen, auf dem er alle Mitschüler verzeichnete, die deutsch sprachen, fluchten oder in anderer Weise gegen die Regeln verstießen. Am Ende der Woche erteilte der Lehrer für jeden Punkt schlechten Betragens einen Streich. Luther sagt, er habe einmal fünfzehn erhalten.

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